Ursprung

Hans-Heinrich Schmidt-Kanefendt

Es ist mir eine große Freude und Ehre, I
dass meine bisherige ArbeitI
mit der Gründung des Vereins ErnESI
eine hohe Wertschätzung gefundenI
und neue Perspektiven eröffnet hat -I
für eine Fortführung mit vereinten Kräften!I

Hans-Heinrich Schmidt-KanefendtHI

 

Hier eine persönliche Rückschau im September 2019:

 

Grenzen des Wachstums

   Die Wurzeln reichen weit zurück. Den ersten Anstoß gab die Lektüre des Klassikers "Grenzen des Wachstums" von Meadows et al. im Jahr 1975. Als angehender Elektroingenieur gab es für mich darauf hin keinen Zweifel: Unsere Energieversorgung mit fossilen und atomaren Brennstoffen ist nicht zukunftsfähig.

   Jung und naiv ging ich damals wie selbstverständlich davon aus, dass die Gesellschaft diese Erkenntnis aufnehmen, nach Alternativen suchen und das System zukunftsfähig ausrichten würde. Es lag außerhalb meiner Vorstellungswelt, dass die Energieversorgung Deutschlands 45 Jahre später immer noch zu über achtzig Prozent an fossilen und atomaren Brennstoffen hängen würde.

Praktische Schritte

   Im Privaten Bereich unternahm ich jedenfalls erste Versuche in Richtung Zukunftsfähigkeit: Energiesparen im Haushalt und bei der Fortbewegung,  Heizen mit Holz und Solarwärme aus einer selbst gebastelten Kollektoranlage. 

   Die engen Grenzen privaten Handelns spürte ich aber zunehmend. Mit Aktivitäten in der Friedensbewegung während der 80er Jahre wuchs außerdem ein Bewusstsein für die weltpolitische Dimension der Energieversorgung. Das führte zur Suche nach Möglichkeiten für gemeinschaftliche Projekte.

   Unter anderem entstand daraus unser Bürgerunternehmen "Windkraft Vienenburg" mit 150 Beteiligten. Nachdem wir 1995 / 1997 zwei Anlagen errichtet hatten, die erneuerbaren Strom für 400 Haushalte lieferten, waren wir froh und stolz über diesen Schritt in die erneuerbare Zukunft. Allerdings: Das Energieproblem in Gänze war dadurch noch nicht gelöst ..

Erste Energieszenarien

   "Nachhaltiges Deutschland", eine von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Studie (die Bundeskanzler Kohl von 1994 bis 1998 unter Verschluss gehalten hatte) regte mich zur Entwicklung eines ersten Zielszenarios an: Wie könnte meine Kleinstadt im Jahr 2050 vollständig mit erneuerbaren Energien von eigener Fläche versorgt werden?  Die Studie "Nachhaltiges Vienenburg" ging 1999 online.

   Ein nächstes Energieszenario für die Landkreise Goslar/ Wolfenbüttel bezog sich auf die regionale Strom- und Wärmeversorgung aus den eigenen Potentialen erneuerbarer Quellen. Es entstand als Diskussionsbasis für den Gründungskreis eines regionalen Bürgerenergieunternehmens im Jahr 2007. Wesentliche Anregungen kamen aus einer Potenzialstudie der Firma solarcomplex, die auf das Ziel einer Versorgung des Landkreises Konstanz vollständig mit erneuerbaren Energien gerichtet war. Entscheidend für die spätere Vernetzung zu Bündnis90/Die Grünen und zum Energieforschungszentrum Niedersachsen war Dr. Gottfried Römer, der seinerzeit als  Energiebeauftragter der Stadt Goslar Mitglied des Gründungskreises war.

Generisches Szenariotool 100prosim

   Der Gedanke lag nahe, dass die Frage einer zukunftsfähigen Energieversorgung auf Grundlage der natürlichen Gegebenheiten eigentlich für alle Regionen von Interesse sein müsste. So entwickelte ich die auf die Region Goslar/Wolfenbüttel zugeschnittene Software im Jahr 2008 zu einem Tool "100prosim" weiter, das generisch auf beliebige Landkreise anwendbar ist. 

   Cornelia Grote-Bichoel war als Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Energie von Bündnis90/Die Grünen Niedersachsen sehr interessiert an dem Ansatz. Auf ihre Einladung hin hatte ich Gelegenheit, 100prosim dort vorzustellen. Auf Initiative des ebenfalls anwesenden Fraktionsvorsitzenden im Landtag Stefan Wenzel hatte 100prosim 2009 Premiere bei einer öffentlichen Veranstaltung in Göttingen. 

   Es folgten weitere Präsentationen, u. a. bei der Ostfalia-Hochschule für angewandte Wissenschaften oder beim Bundesarbeitskreis Energie des BUND.

Szenario-Workshops mit 100prosim

   In der Folge wurde 100prosim ab 2010 in mehr als 80 Workshops eingesetzt, in denen die Teilnehmer_innen Erneuerbare Energie-Szenarien für ihre jeweilige Region nach eigenen Vorstellungen entwickeln konnten (siehe Liste der Workshops). Darunter war auch die LAG Niedersachsen, die gemeinsam mit Stefan Wenzel ein "Grünes Energieszenario" als Enkeltautliche Energieversorgung für Niedersachsen entwickelte und 2011 veröffentlichte.

   Prof. Dr.-Ing. Jürgen Kuck eröffnete mir durch einen nachberuflichen Minijob als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Regionale Energiekonzepte an der Ostfalia Hochschule einen weiten Anwenderkreis, u.a.  Bundesamt für Naturschutz, verschiedene Landkreise und Regionalverbände, Hochschulen und Universitäten, Forschungseinrichtungen, BUND-Landesverbände... (siehe Liste der Organisationen).

   Dabei wurden auf Landkreis-/Großraum-Ebene 47 Regionen mit 23% der deutschen Bevölkerung und 24% der Bodenfläche Deutschlands erfasst. Auf Länderebene sind es 8 Regionen mit insgesamt 52% der Bevölkerung und 68% der Bodenfläche (siehe Liste der Regionen).

   Der intensive Austausch in den Szenario-Workshops ergab viele Anregungen, die ich für eine stetige Weiterentwicklung von Methodik und Software-Funktionalität nutzen konnte. So kam beispielsweise der Anstoß zur Entwicklung schlanker 100prosim-Subsets von Dr. Werner Neumann, Sprecher des Bundesarbeitskreises Energie des BUND. Auf das Grüne Energieszenario Niedersachsen in 2011 folgten insgesamt weitere 11 Veröffentlichungen, die auf 100prosim-Szenarien basieren.

Redesign 100prosim für den Runden Tisch Energiewende

   In den Jahren 2015-2016 fand der vom niedersächsischen Umweltminister Stefan Wenzel initiierte "Runde Tisch Energiewende 2050" statt. Als Diskussionsgrundlage wurde unter maßgeblicher Beteiligung von Prof. Dr.-Ing. Hans-Peter Beck vom Energie-Forschungszentrum Niedersachsen ein 17-köpfiges Gutachterkonsortium von 5 Instituten mit der Erstellung eines Energieszenarios beauftragt. Die Konsortialleitung hatte Prof. Dr.-Ing. Martin Faulstich, seinerzeit Vorsitzender des Sachverständigenrates für Umweltfragen der Bundesregierung. Das Szenario wurde gemeinsam in einer Workshopserie nach der 100prosim-Methodik erstellt und unter Projektleitung von Dr. Jens zum Hingst in ein wissenschaftliches Gutachten eingefasst. In die endgültige, vom Umweltministerium veröffentlichten Fassung des wissenschaftlichen Gutachtens flossen hunderte von Stellungnahmen vom Runden Tisch ein. Dieser Auftrag ermöglichte mir ein komplettes Redesign der Software und damit einen Quantensprung hinsichtlich inhaltlicher Differenzierung, fachlicher Fundiertheit und transparenter Darstellung.

Initiative pro 100prosim

   Im Jahr 2018 fand ein Konvent der Bundesarbeitsgemeinschaften Energie, Bauen/Wohnen und Mobilität/Verkehr von Bündnis90/Die Grünen statt. Auf Initiative von Ekkehard Darge gestalteten mehr als 70 Teilnehmer_innen mit interdisziplinärer Expertise in einem intensiven Workshop ein Deutschlandszenario. Im Anschluss fand sich eine Arbeitsgruppe zusammen mit dem Ziel, Anwendung und Weiterentwicklung von 100prosim für regionale Energieszenarien gemeinsam voran zu treiben.    

   Mit meinem Offenlegungs-Angebot für die 100prosim-Software war die Grundlage für die freie Verwendung von 100prosim geschaffen. Um eine stabile organisatorische Grundlage für die gemeinsame Arbeit zu erreichen, erfolgte im Februar 2019 aus der Arbeitsgruppe heraus dann die Gründung von ErnES e.V.  Neben Ekkehard Darge haben besonders Prof. Dr.-Ing. Anne Schierenbeck, Dr. Michael Kruse und Hans-Jörg Kohlenberg den Gründungsprozess vorangetrieben.

Dank an alle Beteiligten

   Ich bin dankbar für unzählige anregende Diskussionen während des vergangenen Jahrzehnts - gerade auch mit den vielen Personen, die hier nicht explizit genannt sind! Sie alle lieferten wichtige Beiträge zu dem Stand, der bis heute erreicht wurde.

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